Andacht in der Sitzung des Kirchenvorstandes

Andacht von Maren Pötter

Ich möchte heute Abend von Jochen Klepper erzählen.

Wer ist, nein, wer war dieser Mann? Ich habe erst vor vier oder fünf Jahren von ihm gehört. Aber: Ich kenne schon seit etwa 25 Jahren ein Lied von ihm. Meine Mutter hat es gern gemocht und wir haben es so manches Mal am Heiligen Abend gesungen. Das Lied heißt „Die Nacht ist vorgedrungen“ und ist auch in unserem Gesangbuch zu finden. Es steht bei den Adventsliedern unter der Nummer 16.

Jochen Klepper. Er wurde vor 110 Jahren, also 1903, geboren. Er entstammte einer kinderreichen Pastorenfamilie in Schlesien. Nach einem

Theologiestudium in Breslau arbeitete er jedoch als Journalist bei Presse und Funk. In den Zwanzigerjahren lernte er Johanna Stein kennen und heiratete sie 1931.

Hanni, wie er sie nannte war Witwe und Jüdin. Sie brachte die Töchter Brigitte und Renate mit in die Ehe. Ab 1932 lebte die Familie dann in Berlin. Dort veröffentlichte er auch seinen ersten Roman, der sehr erfolgreich war.

In diesem Buch verarbeitete er vermutlich sein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater. Durch die Heirat war es zu einem Bruch zwischen ihnen gekommen. Diese Beziehung wurde besonders von seinem Vater nicht akzeptiert.

Zu dieser Zeit gerieten Johanna und ihre Töchter immer mehr unter Druck und Jochen Klepper litt zunehmend unter dieser Judenfeindlichkeit im Land. Zusätzlich wurde er aus der Reichsschriftkammer ausgeschlossen, das bedeutete Berufsverbot für ihn. Er rang mit sich und erwog die Flucht ins Ausland, überwand sich aber nicht dazu. Kurz vor Kriegsausbruch konnte die älteste Stieftochter, Brigitte, dann nach England ausreisen.

Ende 1942 sollte auch Renate ausreisen, es wurde ein Antrag gestellt, der abgelehnt wurde und somit stand ihre Deportation unmittelbar bevor. Darüber hinaus musste Klepper damit rechnen, dass seine Ehe zwangsweise geschieden wurde, obwohl seine Frau sich hatte taufen lassen und sie kirchlich geheiratet hatten drohte ihr ebenfalls die Deportation.

Noch am Tag des Ausreiseverbots nahm sich die Familie in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 durch Schlaftabletten und Gas gemeinsam das Leben.

Den Liedtext „Die Nacht ist vorgedrungen“ hat Jochen Klepper 1937 geschrieben. Zur Erinnerung: seine berufliche Grundlage war ihm zu diesem Zeitpunkt gerade entzogen worden.

Schon als Jugendliche habe ich diesen Text als düster empfunden. Inhalt und Melodie sprachen mich nicht an. Es ist von Dunkelheit, Nacht, Schuld, Sühne, Angst, Pein, weinen, Leid und richten die Rede. Alles düstere Worte in dieser Adventszeit, die vielleicht eher in die Zeit vor Karfreitag passen würden. Gleichzeitig singen und hören wir von Lob, hellem Morgen, froh, Morgenstern, Rettung, Engeln, Heil, ein Glänzen, von Licht.

Je mehr ich mich mit dem Text dieses Liedes und auch der Melodie beschäftigt habe, umso mehr rückten diese Worte des Trostes in den Vordergrund und mir fiel auch auf, dass am Ende jeder Strophe die Melodie hochgeht, als wolle sie sagen: Es geht weiter, es ist nicht zu Ende.

Die Adventszeit ist eine der dunkelsten Zeiten im Jahr, die wir uns durch Kerzenlicht erhellen. Jochen Klepper durchlebte immer wieder dunkle Zeiten, die viel länger andauerten als nur unsere vier Wochen Vorweihnachtszeit oder die dunkle Zeit im Winter. Vielleicht war das Verfassen solcher Liedtexte sein Kerzenlicht. Er drückte seine Hoffnung in diesem Lied aus, dass nach der Dunkelheit seiner Zeit, in der er lebte, ein Leuchten von Gott kommen möge. Alle Menschen dürfen auf ein Leben ohne Angst und Pein hoffen und frei sein. Wahrscheinlich hat die Familie dieses Licht in ihrem Leben für sich einfach nicht mehr kommen sehen und deshalb dieses Ende gewählt. Umso mehr können wir heute für unser Leben in Freiheit dankbar sein.

Die Nacht ist vorgedrungen, aber der Tag ist auch nicht mehr fern. Welch ein Trost für schwere Zeiten.

10. Dezember 2013