Gedenkstunde am Fliegergrab Heinz Schrader

 „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“

 

Wir brauchen in Geschichte keinen Nachhilfeunterricht, wir haben alle Geschichte in der Schule gehabt.“ So haben es Herr Rodewald und ich in einer Bürgerversammlung im Februar, als es um das Thema  Denkorte in der Region ging, zu hören bekommen.

 

Wenn ich mich unter den Anwesenden umsehe, dann freue ich mich, dass heute hier deutlich mehr TeilnehmerInnen versammelt sind, als es in den letzten Jahren.

 

Was aber tun wir, wenn wir Jahr für Jahr hierher kommen, an diesen Platz, an dem der Rammjägerpilot Heinz Schrader am

07. April 1945 den Tod einen Monat vor Ende des II. Weltkrieges fand?

 

Als Motivation für seine Teilnahme an diesem Himmelfahrtskommando hören wir nicht unbedingt etwas vom Glauben Schraders an den deutschen Endsieg. Von dem in jenen Tagen gebetsmühlenartig gesprochen wurde. Nein, die Begründung für seine Bereitschaft zu diesen Einsatz lag offensichtlich im persönlichen Bereich.

 

Seine Verlobte, so heißt es, sei im Februar 1945 bei einem Luftangriff auf München ums Leben gekommen. Deswegen hat Heinz Schrader auf seinen Einsatz als Rammjäger regelrecht gebrannt. Das bedeutete seinen Tod in einem der allerletzten Luftkämpfe des Krieges.

 

Die Erinnerung an den Menschen Heinz Schrader mit seinen Gefühlen und Emotionen zeigt die extrem unglückliche Verquickung von Zielen der Hitlerherrschaft. Die Deutschland in diesen mörderischen Krieg getrieben hatte, mit Zielen und Bereitschaften des einzelnen Menschen.

 

Gerade dieser ganz persönliche Aspekt macht deutlich, dass Geschichte keine tote Materie wie Physik oder Staatsbürgerkunde ist. Sondern höchst lebendig, weil Geschichte immer etwas mit Entscheidungen zu tun hat, die Menschen bewusst und auch in Zeiten von Diktaturen doch manchmal erstaunlich freiwillig getroffen haben.

 

Die Geschichte lebendig zu halten, hat den Sinn, sich mit ihr auseinander zu setzen, um daraus Konsequenzen für das Leben heute zu ziehen.

 

In der Zeit des III. Reiches war in Deutschland die schwarz-weiß Malerei unüberbietbar simpel und brutal. Deswegen war das Leben eines Menschen auch nicht so besonders viel wert - selbst das eigene nicht. Das eigene Leben dem angeblichen Interesse des deutschen Volkes unterzuordnen galt als wahrhaft heldenhaft und war der geniale Ausweg aus einer wie auch immer gearteten persönlichen Krise.

 

Schwarz-weiß Malerei ist immer ein leichter Weg, eine eigene Position zu beziehen und dabei selbst gut da zu stehen. Doch Menschen auch in ihrem anders sein ernst nehmen, sie zu verstehen, ihr Denken und Handeln zu tolerieren. Das ist es, was mühsamer ist, doch genau das ist unsere Aufgabe. Das ist konkrete Friedensarbeit - zu der wir aufgerufen sind!

 

Damit das aufgehende Licht aus der Höhe, erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, darum richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. - Lukas 1, 79 -

 

Diesem Gotteswort zu folgen - Menschen dazu bewegen, den Weg des Friedens zu finden und zu beschreiten - darin besteht das Ziel des Handelns Gottes.

 

Das ist nicht immer einfach. Denn die Stimme des Friedens ist leise. Inmitten der lauten Rufe nach Strafe, nach Sanktionen, Vergeltung und Rache geht sie oft unter. Doch sie ist immer zurückgekehrt - 2.000 Jahre lang. Manchmal stellt sich natürlich die Frage, was wir dafür tun können, dass diese Stimme gar nicht erst in den Hintergrund gedrängt wird.

 

Heute hier zu stehen ist kein Nachhilfeunterricht in Geschichte, sondern Vergegenwärtigung der Notwendigkeit, den konkreten Einsatz für den Frieden nicht zu vergessen. Wenn es um Frieden geht, ist es völlig egal ob es konkret, um Stammtischgespräche im Zusammenhang des aktuellen Ukraine/Russlandkonfliktes geht, oder um die Stimmung, die ich in Gesprächen mit Dritten gegenüber meinen Nachbarn ordentlich anheize. Sich in diesen Zusammenhängen für den Frieden einzusetzen, dass ist unsere Aufgabe.

 Amen

Pastor Wilhelm Timme am 13. April 2014