Andacht in der KV-Sitzung im August 2014

Wir alle haben die Erfahrung gemacht oder machen sie, dass uns Dinge und Ereignisse unterschiedlich stark unter die Haut gehen, uns also mehr oder minder stark berühren.

Mich beschäftigt immer noch und immer wieder - unser Thema „Reichsbahnwaggon“. Weniger die Fahrzeugruine selbst, als vielmehr das ganze drum und dran.

Schon bei den vorbereitenden Treffen haben mich die Hinweise auf die unterschiedlichsten Gegenreaktionen erstaunt und ich habe sie ungläubig nicht wirklich ernst genommen. Vielleicht nur ein Mangel an Phantasie bei mir.

Was ich dann am 18. Februar 2014 erlebt habe, hat mich absolut sprachlos gemacht und ich stehe heute

noch fassungslos vor dieser Situation. Und ich frage mich immer noch, wie es zu solchen Reaktionen kommen kann. Und das auch von Leuten, die jünger sind als ich und die genauso wie ich keine eigenen unmittelbaren Erfahrung gemacht haben können.

Vielleicht erklärt sich aber meine Fassungslosigkeit aus der Geschichte meiner Familie.

Ihr wisst vielleicht, dass meine Familie aus dem Osten, also jenseits der Oder stammt. Es gab dort einen größeren landwirtschaftlichen Betrieb, der seit Generationen im Familienbesitz war. Am 4. Februar 1945 ist die Familie und mit ihr das ganze Dorf auf den Treck gegangen. Die russische Armee war nur noch wenige Kilometer weg.

Meine Eltern, Großeltern und die Schwester meines Vaters und deren Tochter sind dann, nach zum Teil grausigen Erfahrungen und Erlebnissen Ende 1945 hier wenige Kilometer weg, in Ostenholz, gelandet. Mich gab es dann auch schon.

Wir haben diesen Verlust über lange Jahre betrauert und verarbeitet. Seit fast 40 Jahren fahren wir nach Polen, um ein wenig den Kontakt zu unseren Wurzeln zu behalten. Es ist schon befremdlich anrührend, wenn man in einem kleinen Dorf in Polen, an der Mauer der Dorfkirche, Epitaphe seiner Vorfahren findet.

Zu dem Verarbeiten gehört aber auch, dass Erinnerungen wach gehalten werden - wenn man will - das Unterlagen und Dokumente gesammelt und zusammen getragen werden. Um Zusammenhänge und Hintergründe zu verstehen. In den Unterlagen befinden sich folgende Zeilen, geschrieben am 5. Juli 1943 :

Liebe liebe Mutti, lieber guter Vater,

heute machen wir unseren ersten Angriff. Und wenn ich dann bleibe so will ich Euch zum letzten Mal grüßen und Euch von ganzem Herzen danken für all das Gute und Schöne, was Ihr mir gegeben habt. Auch an Gottfried und Waltraut richtet meine letzten Grüße.

Es grüßt Euch zum letzten Mal Euer Dieter.

 

Verfasser ist der jüngere Bruder meines Vaters geb. 04.06.1924, gefallen 10.07.1943. 

Und damit wird es dann ganz persönlich.

Und damit ist es für mich völlig klar, dass alles getan werden muss, damit dem Gedankengut der Nationalsozialisten und aller rechten Gruppierungen keine Plattform gegeben werden darf. Aber vielleicht betrifft das ja auch nur mich.

Schließen möchte ich mit einem Spruch, den ich kürzlich fand und der an den 16. Vers des 31. Psalm angelehnt ist : Wenn Du Deine Zeit bewusst in Gottes Hand legst, wirst Du gelassen.

Ich wünsche uns den Mut, darauf zu vertrauen, dass Gott wirklich alles im Griff hat.