Predigt über Epheser 2, 17 – 22

Predigt von Pastor Wilhelm Timme,  2. Sonntag nach Trinitatis

Gnade sei mit Euch und Friede von dem der da war, der da ist und der da kommen wird. Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

Antoine de Saint Exupéry hat einmal gesagt: Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer. 

Oder ein anderes Bild: Drei Steinmetze arbeiten auf einer Baustelle. Ein Passant fragt sie danach, was sie tun. Der erste Steinmetz räumt mürrisch Steine zusammen und sagt: „Ich behaue Steine, um so meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“ Der zweite Steinmetz klopft mit wichtiger Miene weiter auf seinen Stein, während er antwortet: „Ich liefere die beste Steinmetzarbeit weit und breit.“ Der dritte Steinmetz aber schaut den Fragenden ruhig und mit glänzenden Augen an und sagt: „Ich baue eine Kathedrale.“

Und er, Christus, ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den  Zugang zum Vater. So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,  erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist. Epheser 2, 17 – 22

Liebe Gemeinde,

der Verfasser des Epheserbriefes vergleicht hier in diesem Abschnitt die christliche Gemeinde mit einer Baustelle. Der Tempel Gottes wird gebaut. Die daran beteiligt sind, sind unterschiedliche Gruppen. In Ephesus, der Hafenstadt im Gebiet der heutigen türkischen Mittelmeerküste, sind es Menschen, die zuvor Juden waren, und solche die zuvor mit dem Judentum nichts am Hut hatten. Zwei ehemals verfeindete Gruppen, die nun die christlichen Gemeinde bilden und sich darum streiten, was in der christlichen Gemeinde von Wichtigkeit sein soll. Also: Es sind die „neuen Christen“ – ehemals Verehrer römischer Götter, die an den Rand gedrängt werden sollen von den Christen, die aus der jüdischen Tradition heraus den Glauben an Jesus Christus angenommen haben.

Was ist nun wichtig, der Streit um konkrete kleine Punkte, wie christlicher Glaube aussehen soll? 

In den Versen vor unserem Abschnitt wird etwas von der Heftigkeit dieses Streites sichtbar, ich zitiere: 13 Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst Ferne wart, Nahe geworden durch das Blut Christi. 14 Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat.

Menschen, die früher einmal Feinde waren sind jetzt versöhnt durch das, was Jesus Christus für die Menschheit getan hat. Das ist die Theorie. Doch was haben die Menschen praktisch vor Augen? Ist es der Tempel Gottes, der durch das Versöhnungswerk Christi entsteht, oder sind es die Reibereien des Alltages, die mich auffressen und in dem es darauf ankommt, dass ich mich durchsetze?

Liebe Gemeinde,

verbitterter Kampf um Peanuts oder gemeinsames Engagement für das Ganze, gibt es einen Weg dahin, das herrliche Ganze zu sehen?
Ich ersetze den heiliger Tempel aus dem Epheserbrief heute ausnahmsweise mal durch heiligen Rasen; vielleicht bringt uns das weiter.

Wenn während der Bundesligaspielzeit HSV- und Werder-Fans es kaum in einem Raum miteinander aushalten; Schalke- und Dortmundfans noch viel weniger, dann ist das jetzt, da in weniger Tagen die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich beginnt, anders, denn jetzt sind alle gemeinsam Deutschlandfans.

Das nennt man Perspektivwechsel; das hilft. Wenn ich diesen Perspektivwechsel hinbekomme, gilt für mich ganz plötzlich etwas anderes. Nämlich die Realität, des Friedens, die mir zu Teil wird. Mit der Rede vom Frieden hat unser Text im Epheserbrief begonnen. Christus hat Frieden verkündet; Frieden denen, die nahe sind und Frieden denen, die fern sind. Ihr seid nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger, Gottes Hausgenossen.

Wie man es dreht und wendet, Gaststatus und Bürger-schaftlichkeit unterscheiden sich qualitativ enorm. Der Gast geht wieder, der Fremdling wird geduldet und ggf. abgeschoben, aber Bürgerinnen und Bürger haben allesamt Verantwortung, Rechte und Pflichten. Aus den Nahen und den Fernen werden Bürgerinnen und Bürger des Reiches Gottes, das durch sie – also auch durch uns - wachsen und werden kann, Menschen auf Augenhöhe, Hausgenossen Gottes.

Paulus spricht davon, dass es möglich ist: Frieden für die, die nah sind und für die, die fern waren. Frieden – Schalom, nicht als vorläufiger Ausnahmezustand zwischen den HSV- und Werderfans, weil gerade Mal eine EM ansteht, sondern als göttliche Verheißung. Oder anders gesagt- ganz im Sinne des heutigen Sonntags - als Einladung Gottes!

Kommt! Jeder Mensch ist mir wichtig! Jeder Mensch ist mir willkommen, auch die an den Hecken und den Zäunen, auch die Blinden und die Lahmen. „Voll- Voll- Volltreffer, ja ein Volltreffer Gottes bist DU“, singen die Kinder im Kindergottesdienst. So ist es! Wie im Evangelium heute Lukas 14, 16-24.

In der Geschichte vom großen Abendmahl haben alle Wichtigeres zu tun: einer muss zum Ochsen, jemand anderes auf den Acker, der dritte hat eine Frau, die Unpünktlichkeit womöglich hasst. Die Einladung Gottes kommt nicht an. Was sie bedeutet wird verkannt. Ganz schön traurig. Aber es geht weiter: Die Einladung geht an alle. Christus hat seinen Frieden allen gebracht. Wie schon die Engel auf den Feldern bei Bethlehem gesungen haben: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“

Christi Friede für alle Menschen. Sich dafür einzusetzen, dass diese Wahrheit nicht nur im alten Buch, das wir Bibel nennen, schlummert, finde ich faszinierend, damit nähern wir uns dem dritten Steinmetz, dem der die Kathedrale baut.

Die Idee vom Reich Gottes, der Gedanke daran, dass es möglich ist, in seiner neuen Welt zu leben, in der die Menschen sich verstehen und Frieden halten. Wo Menschen das versuchen und darum ringen, in Verschie-denheit gemeinsam das Lebenshaus zu bauen, seien es Juden oder Heiden  wie damals bei Paulus oder Türken und Deutsche auch trotz Armenienresolution, oder eben auch die HSV- und Werderfans; oder Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Nord und Süd, da braucht es auch ein Friedensamt, jemanden, der sich um den Frieden sorgt.

Jemanden der nicht die Flinte ins Korn wirft, wenn`s an Wertschätzung mangelt, sondern einen, der durchhält und dran bleibt. Dafür hat Paulus in seiner Verkündigung gebrannt: als solchen hat er uns Jesus Christus immer wieder vor Augen gemalt. Und seine, des Paulus, so ganz und gar verschiedenen Gemeindegründungen in der gesamten damals bekannten Welt waren der Beweis für die Kraft dieses Versöhnungs- und Friedensamtes. An die Philipper hat Paulus geschrieben: „In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst, und jeder sehe nicht nur auf das Seine, sondern auf das, was dem anderen dient. Seid so untereinander gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus entspricht.“ Philipper 2, 2-5 Weil Christus dieser Friede ist, weil er selbst klein geworden ist, weil er auf Macht verzichtet hat, weil er das Prinzip der Versöhnung verkörpert.

Danach zu leben, ist alles andere als leicht. Doch von diesem Geist des Friedens und der Versöhnung erfüllt zu werden, ist das schönste und wichtigste auf der Welt. Amen

5. Juni 2016