Begleitung von Menschen mit Demenz

Besuchsdienst-Schulung

Die Besuchsdienste der Kirchengemeinden Kirchlinteln, Brunsbrock und Wittlohe wechseln sich einmal jährlich bei der Organisation einer gemeinsamen Schulung ab. Am Samstag, dem 21. September 2013 trafen sich fast 30 Frauen

– auch aus der Andreas- und der Zionsgemeinde Verden – im Gemeindehaus Kirchlinteln zum Thema „Demenz“. Nach einer Einführung und Andacht von Pastorin Anja Niehoff übernahmen Pastorin und Supervisorin Helene Eißen-Daub und Besuchsdienstreferentin Helga Sawatzki die Leitung.

Zu Beginn ging es zunächst darum, wo uns Menschen mit Demenz (de mens = abnehmender Geist) begegnen, welche Gefühle dabei in uns aufkommen und welche Fragen diese Begegnungen in uns auslösen. Es wurden an die 20 Fragen gesammelt, wobei es in erster Linie darum ging, wie man den Betroffenen und den Angehörigen helfen und in Kontakt kommen kann. Es wurden auch die Bewahrung von Respekt und der Umgang mit negativen Erfahrungen und Anschuldigungen nachgefragt und Wege für die eigene Persönlichkeit, um die vielfältigen Belastungen auszuhalten.

Anhand eines Fallbeispiels, das sowohl für die Besuchte als auch für die (gut geschulte) Besucherin positiv verlief, erfuhren die Frauen viel über den sensiblen Umgang mit Desorientierung. Gute Besuche gelingen besonders dann, wenn möglichst alle fünf Sinne angesprochen werden, wie z. B. die Augen durch Bilder, alte Fotos oder Blumen, die Ohren durch Singen und Erzählen, die Haut eventuell durch Berührung oder Spaziergänge, die Nase durch Düfte von Blumen oder Kaffee, die Zunge/der Geschmack durch Kleinigkeiten zu Essen oder Trinken. Da bei Dementen zwar der Geist schwindet, aber nicht die Gefühle, entwickelt sich die Atmosphäre durch das Ansprechen der Sinne zumeist harmonisch und ausgeglichen.

Nach einer Mittagspause erhielten die Teilnehmerinnen zunächst fachliche Informationen u. a. über das Verlaufsschema der Alzheimer-Krankheit mit Leitsymptomen, Verhaltensweisen, verbleibender Leistungsfähigkeit und sozial-medizinischen Konsequenzen, wobei differenziert auf die Auswirkungen der leichten, mittleren und schweren Demenz eingegangen wurde. Die hauptsächlichen Symptome/ Krankheitsphänomene und die häufigsten Demenzformen waren weitere Themen.

Mit diesem Wissen ging es anschließend wieder um die praktische Kommunikation mit Dementen. Typische Äußerungen, die dahinter stehenden Gefühle und mögliche Antworten wurden in Kleingruppen diskutiert, bevor sich die Frauen gemeinsam über grundsätzliche Kommunikationsregeln unterhielten. Zu denen gehört die Verwendung von klaren, einfachen kurzen Sätzen, der Blickkontakt, Geduld, Ruhe, die Vermeidung sinnloser Diskussionen, Lob statt Kritik, Vermeidung von Überforderung, Wecken von Erinnerungen durch Bilder, alte bekannte Lieder und Vorlesen von bekannten Texten. Es gilt: Nicht über den Dementen reden sondern mit ihm!

Demente sollen stets als Mensch wahrgenommen, wertgeschätzt und akzeptiert werden. Dazu gehört das liebevolle Ansprechen mit Namen und die Nutzung aktueller Fähigkeiten mit dem Ziel, Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Auf Bedürfnisse und Nöte sollte eingegangen werden, auch wenn sie noch so absurd erscheinen. Dem besonderen Bedürfnis dementer Menschen nach Sicherheit kann durch Rituale, Beständigkeit, feste Zeiten, Orientierungshilfen sowie freundlichem beruhigenden Umgang, Körperkontakt wie Hand auflegen oder Umarmung nachgekommen werden. Da das Altgedächtnis mit Kindheits- und Jugenderlebnissen lange präsent bleibt, können Besucher/innen durch z. B. alte Bilder und Fragen nach dem, was noch erinnert werden kann und erzählen lassen eine vertraute Atmosphäre schaffen.

All die Informationen und Diskussionen warfen für die Frauen viele Fragen und Ängste auf, auch in Bezug auf die eigene Zukunft und mögliche Demenz. So gab es zu den Kommunikationsregeln auch ein Blatt „Wenn ich einmal dement werde“, das ich hier ungekürzt wiedergeben möchte:

Wenn ich einmal dement werde

Wenn ich einmal dement werde, musst du ruhig mit mir sprechen, damit ich keine Angst bekomme und nicht das Gefühl entsteht, dass du mir böse bist. Du sollst mir erklären, was du tust.

Wenn ich einmal dement werde, kann ich vielleicht nicht mehr mit Messer und Gabel essen, aber bestimmt sehr gut mit den Fingern.

Wenn ich einmal dement werde und dann Panik bekomme – dann bestimmt, weil ich an zwei Dinge gleichzeitig denken soll.

Wenn ich einmal dement werde, bin ich meistens leicht zu beruhigen – nicht mit Worten, sondern indem du ganz ruhig neben mir sitzt und meine Hand ganz fest hältst.

Wenn ich einmal dement werde, habe ich das Gefühl, dass andere mich schwer verstehen. Und genauso schwer ist es für mich, andere zu verstehen.

Wenn ich einmal dement werde, mach deine Stimme ganz leise und sieh mich an, dann verstehe ich dich am besten. Mach nur wenige Worte und einfache Sätze.

Wenn ich einmal dement werde, sieh mich an und berühre mich, bevor du mit mir sprichst. Vergiss nicht, dass ich oft vergesse.

Wenn ich einmal dement werde, möchte ich Musik von damals hören – doch habe ich vergessen, welche. Erinnere du dich und lass sie uns zusammen hören. Ich mag sehr gern singen, jedoch nicht allein.

Wenn ich einmal dement werde, denke daran, dass ich nicht alles verstehe, doch mehr, als du manchmal denkst.

Damit ging eine hochinteressante Schulung, die alle Teilnehmerinnen noch lange beschäftigte und einigen schlaflose Nächte bescherte, zu Ende.

Dem Kirchlintelner Besuchsdienst sei herzlich gedankt für die Organisation dieses gelungenen Tages in behüteter Wohlfühlatmosphäre in wunderschön geschmückten Räumen und mit leckerem Essen!     

21. September 2013