Besuchsdienst der St.-Jakobi-Kirchengemeinde kümmert sich um Senioren

„Wir erwarten keinen Kuchen, wir wollen zuhören“

 „Beim ersten Besuch ist es Unsicherheit. Was erwartet mich? Werde ich freundlich empfangen oder abgewimmelt? Erwartet mich Krankheit, seelisches Leid, schweres Schicksal, ein fröhlicher, ausgeglichener Mensch oder ein trauriger, verbitterter, einsamer?“ Heide Gildmann weiß manchmal, wer ihr die Tür öffnet. Manchmal hat sie keinen Schimmer. Sie ist ein Mitglied des Besuchsdienstes der St.-Jakobi-Gemeinde Wittlohe. Der Gruppe, die bereits seit 25 Jahren existiert,

gehören 15 Frauen an, die 200 Gemeindeglieder über 80 Jahren regelmäßig besuchen: zu Geburtstagen, in der Weihnachtszeit, bei Krankheit oder „einfach so“.

Beim Pressegespräch stellen Gitta Suchi aus Hohenaverbergen, Irmtraud Eibich aus Luttum, Uschi Cordes aus Otersen und Heide Gildmann aus Armsen erstmal etwas klar. „Wissen Sie“, sagt Irmtraud Eibich. „Wir werden hier jetzt nicht anfangen, zu tratschen.“ Denn alle Frauen aus dem Team seien zur Verschwiegenheit verpflichtet. „Das ist eine unserer wichtigsten Regeln“, sagt Gildmann. „Wir nehmen sie sehr ernst.“

Bevor die Frauen ihren ersten Besuch abstatten, rufen sie vorher an. „Denn es ist kein schönes Gefühl, an der Tür abgewimmelt zu werden“, so Gildmann. Aber es gebe insgesamt nur sehr wenige Bürger, die keinen Wert auf den Besuchsdienst legen. „Für die Allermeisten gehören wir zum Älterwerden dazu.“

Wenn der Senior oder die Seniorin einverstanden ist, kommt die für die Ortschaft zuständige Frau für gewöhnlich zum ersten Mal am 80. Geburtstag vorbei. Manche bitten auch darum, der Besuch möge erst einen Tag später kommen, weil am eigentlichen Ehrentag zu viel Trubel im Haus herrsche. „Dann bleibt ja oft gar keine Zeit für ein Gespräch“, sagt Gitta Suchi. Doch manchmal könne von Trubel auch überhaupt keine Rede sein. „Ja“, sagt Gildmann, „es gibt Senioren, bei denen sind wir die einzigen Besucher an ihrem Geburtstag.“ Das sei aber die Ausnahme, die meisten alten Leute in den Dörfern der Kirchengemeinde seien noch gut in ihre Familien eingebunden oder hätten regen Kontakt zu ihren Nachbarn.

Ob die Besuche nach dem 80. Geburtstag weitergehen, entscheiden die Senioren selbst. „Wir richten uns da ganz nach ihnen“, so Irmtraud Eibich. Manchmal würden diese aus Scham die Besuche ablehnen, „weil sie Angst haben, sie könnten kein guter Gastgeber mehr sein.“ Das sei traurig. „Denn wir kommen ja nicht vorbei, weil wir Kaffee und Kuchen wollen.“ Gildmann: „Wir wissen genau: Diejenigen, die den Besuchsdienst am nötigsten hätten, wären überhaupt nicht in der Lage, uns zu bewirten.“

Auch wenn die Frauen die Kirche repräsentieren, würde bei den Besuchen selten über Gott gesprochen oder gebetet. „Aber wenn die Senioren sich das wünschen, machen wir das gern“, so Eibich. „Aber wir kommen eigentlich nicht zum Reden vorbei. Wir kommen, um zuzuhören.“

Viele Senioren hätten das Bedürfnis, über ihre Erlebnisse aus der Kriegs- und Nachkriegszeit zu sprechen. „Das sind oft genau die Geschichten, die ihre Familien nicht mehr hören können. Wo die Kinder sagen: ‚Komm Opa, lass gut sein. Der Krieg ist vorbei. Erzähl mal was von heute.' Aber mich interessieren diese Geschichten wirklich, ich finde sie spannend“, so Eibich. Sie habe durch den Besuchsdienst viele Flüchtlingsschicksale kennen gelernt. Menschen, die ihr Zuhause verloren haben und auch in ihrer neuen Heimat oftmals nicht willkommen waren. Die Zeiten voller Entbehrungen überstanden haben. „Ich bewundere diese Senioren für ihre Lebensleistungen.“

Manche Geschichten, die die Frauen bei ihren Besuchen hörten, seien schwer zu verarbeiten. Deswegen trifft sich die Gruppe regelmäßig zu Gesprächsrunden, um einander den Rücken zu stärken. Auch Seminare zu verschiedenen Themen würden helfen, mit besonderen Situationen professionell umzugehen.

Und nicht zuletzt sei da noch Pastor Wilhelm Timme. „Er unterstützt uns sehr“, so Gildmann. „Wir sind froh, einen Pastor zu haben, dem unsere Arbeit am Herzen liegt.“ Timme würde jedes Jahr mit viel Herzblut beim Adventssingen mitmachen. Dabei besuchen die Frauen in der Vorweihnachtszeit jene Senioren, die nicht mehr am Gemeindeleben teilnehmen können. Bei ihnen zu Hause singen die Frauen und der Pastor bekannte Weihnachtslieder. Eine Tradition, die von den Dorfbewohnern sehr geschätzt werde.

 

© Foto: Raczkowski

Beim Pressegespräch berichten Gitta Suchi, Irmtraud Eibich, Heide Gildmann und Uschi Cordes (v.l.) von ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Besuchsdienst – ohne zu tratschen. Verschwiegenheit ist ihnen und ihren Kolleginnen sehr wichtig.