Andrea Müller spricht über neuen Rechtsextremismus

Achim - Springerstiefel, kahlrasierter Schädel und Hitlergruß – das war einmal. Heute präsentieren sich die Kräfte der extremen Rechten als „Kümmerer von nebenan“ und unterwandern systematisch Sportvereine, THW oder Feuerwehr. Rechte Einstellungen finden sich in der Mitte der Gesellschaft. Über Ursachen, Erscheinungsformen und Möglichkeiten der Bekämpfung referierte auf Einladung des Kirchenkreises Verden Andrea Müller, ehemals Leiter des Bremer Lidice-Hauses und viele Jahre in der Bildungs- und Aufklärungsarbeit gegen Rechtsextremismus tätig.

Nach der Begrüßung durch Wilhelm Timme, Koordinator des Arbeitskreises „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ im Achimer Gemeindezentrum Nord gab es auch einleitende Worte von Landrat Peter Bohlmann und Superintendentin Elke Schölper. Musikalische Beiträge steuerten Martin Behr und Gerd Bartelt bei.

Warum lassen sich Jugendliche so leicht in die rechte Ecke locken? Andrea Müller ist sich sicher: „Das Problem ist, dass wir Erwachsene uns nicht verhalten.“ Eine demokratische Grundhaltung meinen zwar viele zu besitzen, jedoch könnten sie diese oft nicht mit Inhalt füllen. Der Referent verglich die demokratische Überzeugung mit „Verknalltsein“: „Viele Menschen, sind sich aber nicht mehr schlüssig in ihren Beziehungen, so wird man offen für andere Identifikationsangebote.“

Längst seien die Rechten aber nicht mehr in den Landesparlamenten vertreten, sie bewegten sich auf Samtgemeinde-Ebene.

Vor Jahren versuchte die NPD im Landkreis Verden den Heisenhof zu ersteigern. Dort hätte die Partei ein Schulungszentrum sowie eine dem „Lebensborn“ nachempfundene Zuchtstätte für nationale Kinder eingerichtet. Durch den Schulterschluss von Politik und Behörden wurde dieses Projekt erfolgreich verhindert. Weitaus unauffälliger operierten heute bundesweit die nationalen Siedlungsregionen. Sie basierten auf der scheinbar harmlosen Idee, „mit Freunden wohnen zu wollen, um sich nicht über den Nachbarn zu ärgern, der anders tickt“.

Statt sich offensiv mit Hakenkreuzen zu schmücken, betreibe die neue Rechte ein „Versteckspiel“. Mit schwarzem Hoodie und Basecap sind moderne Neonazis nicht mehr von linken Autonomen zu unterscheiden. Die Codes seien nur für Eingeweihte erkennbar.

Die „Snevern Jungs“, laut Müller „eine der Gewalt bereitesten Gruppen Niedersachsens“, beteiligten sich etwa an Volksläufen und Skatwettbewerben, um sich bei der Bevölkerung beliebt zu machen. Ganz nebenbei ist ihre Homepage dann mit Links zu Wehrmacht und Waffen-SS versehen.

Es gebe zwar viele staatliche Programme gegen Rechtsextremismus bei Jugendlichen. Dabei werde jedoch außer acht gelassen, dass auch bei den über 45-Jährigen viele in die rechte Ecke abwandern. „Und es gibt nicht ein Programm, das sich mit dieser Zielgruppe beschäftigt.“

Arbeitslosigkeit sei nur eines der Probleme. In entvölkerten ländlichen Gebieten Mecklenburg-Vorpommerns müssen Schulen schließen, was lange Anfahrtswege zur Folge hat. Ein angeblich von Bürgern organisierter Fahrdienst entpuppte sich als von der NPD finanziert. Was hinterher kaum jemanden störte, denn die rechten Ideologen hatten sich bereits als „Kümmerer“ etabliert.

Diese Aushöhlung der demokratischen Idee, das Gefühl von „denen da oben“ im Stich gelassen zu werden, schaffe den Nährboden für Rechtsextremismus, deren Spielwiese nicht zuletzt in Gruppen wie „HoGeSa“ (Hooligans gegen Salafisten) oder Pegida zu finden sei.

Rechtsextreme Strömungen vereine ein zentrales Element: Die Ideologie der Ungleichheit, einhergehend mit Gewalt beziehungsweise Gewaltakzeptanz. Solch indirekte Gewaltausübung gab es etwa beim Brandanschlag auf das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen vor 20 Jahren, der sich erst durch eine große Anzahl passiver Akteure zum Volksfest entwickelte.

Was lässt sich dem entgegensetzen? Andrea Müllers Lösungsansatz zielt auf die Menschenrechte als unbedingtes demokratisches Prinzip ab. „Wenn mir klar ist, alle Menschen sind gleich, kann ich auch jungen Menschen, die sich dem Rechtsextremismus zuwenden, zuhören und eine Bewertung finden.“

Zudem müssten unterschiedliche politische und gesellschaftliche Strömungen sich gegen menschenfeindliche Einstellungen verbünden. „Wir sollten nicht über das Trennende, sondern über das Verbindende sprechen, um uns zusammenzutun.“  21. März 2015  ldu  Quelle: www.kreiszeitung.de

 Foto oben rechts:

© Duncan  Andrea Müller, ehemaliger Leiter des Bremer Lidice-Hauses, wies auch auf Gefahren durch Bewegungen wie „HoGeSa“ (Hooligans gegen Salafisten) hin.