Zeitgeschichtliche Werkstatt nimmt Formen an

Auf den Spuren der Vergangenheit

Bericht aus den Verdener Nachrichten von Elina Hoepken 21.02.2015

Gerhard Steinwede wurde 1932 geboren. Zur Zeit des Krieges lebte er mit seiner Familie in Wittlohe. Noch heute besitzt er viele Briefe und Fotos aus dieser Zeit. (Björn Hake)

Einen alten Stuhl von seinem Vater besitzt Gerhard Steinwede noch immer. Er ist über 70 Jahre alt und stand früher immer im Arbeitszimmer seines Vaters. Die Rückenlehne ist durchlöchert von Gewehrkugeln. Der Stuhl ist nur eines von vielen Erinnerungsstücken, die Steinwede aus der Zeit des

Zweiten Weltkriegs hat. Damals, als im April 1945 die britischen Soldaten schon vier Wochen vor der eigentlichen Kapitulation am 8. Mai nach Wittlohe kamen, war Steinwede gerade einmal 13 Jahre alt.

Noch heute kann er sich nach eigenen Angaben gut an die Zeit erinnern. Und noch heute zeugen zahlreiche Briefe und Fotos, die er über die Jahre aufgehoben hat, von der Zeit des Krieges. „Mein Vater war damals Pastor in Wittlohe und wurde schon früh eingezogen“, erzählte Steinwede. „In den Jahren des Krieges hat er zahlreiche Briefe aus allen Ländern Europas geschrieben.“ Noch heute bewahrt er diese zu Hause auf. Und auch die Antwortschreiben seiner Mutter geben einen Eindruck davon, was in diesen Jahren in der Region passierte.

Geschichtsarbeit im Jugendcamp

Es sind Dokumente wie diese, die die Kirchengemeinde Wittlohe in ihrer zeitgeschichtlichen Werkstatt im Kapitelhaus sammeln und auswerten will. In dem alten Gebäude neben der Kirche soll eine Ausstellung mit Dokumenten, Fotos und anderen Erinnerungsstücken aus dem 20. Jahrhundert entstehen (wir berichteten). „Unser Ziel ist es, hier vor Ort die Jugendarbeit mit der Geschichtsaufarbeitung zu verbinden“, sagte Sonja Bohl-Dencker vom Wittloher Kirchenvorstand im Rahmen einer Informationsveranstaltung zur zeitgeschichtlichen Werkstatt am Donnerstagabend.

Denn die vorhandenen Dokumente sollen von Jugendlichen ausgewertet werden. „Wir könnten uns vorstellen, dass diese Auswertung beispielsweise bei einem Jugendcamp im Sommer stattfindet“, erklärte die 16-jährige Kira Georg die bisherigen Pläne. „Für dieses Camp könnten dann beispielsweise auch Jugendliche außerhalb der Gemeinde gewonnen werden.“ Nach Angaben von Bohl-Dencker habe die bisherige Konfirmandenarbeit gezeigt, dass der Kontakt zu Zeitzeugen viele Jugendliche sehr bewegt.

Weltgeschichte im Heimatort

„Wenn Jugendliche merken, dass die Weltgeschichte auch hier vor Ort stattgefunden hat, dann wird die Geschichte für sie auch spannend“, sagte auch Superintendentin Elke Schölper. Die Geschichte müsse eine Anknüpfung an das Leben der Menschen haben, die die Jugendlichen kennen.

Klar wurde bereits bei der Infoveranstaltung, dass in der Gemeinde Kirchlinteln noch viele Zeitzeugen-Dokumente vorhanden sind. „Es gibt einiges, was ich zu einer solchen zeitgeschichtlichen Werkstatt beitragen könnte“, sagte auch Gerhard Steinwede. Einerseits seine eigenen Erinnerungen, andererseits aber beispielsweise auch die Aufzeichnungen seines Vaters. „Die letzten Kriegstage verbrachten wir nur noch im Keller“, erinnerte sich Steinwede. „Das war für uns natürlich schrecklich.“

"Innerhalb eines Tages war der Krieg vorbei"

och er berichtete auch davon, wie er sich als Kind für den Krieg interessierte und den Verlauf gespannt im Radio verfolgte. „Als dann im April die britischen Soldaten nach Wittlohe kamen, war plötzlich alles anders“, sagte er. „Innerhalb eines Tages war der Krieg hier vorbei und es begann das, was sich die Nachkriegszeit nennt.“

Durch die zeitgeschichtliche Werkstatt sollen die Jugendlichen also auch verschiedene Sichtweisen auf den Krieg kennenlernen. „Wir könnten uns vorstellen, die einzelnen Ausstellungen immer unter ein bestimmtes Thema zu stellen“, sagte Pastor Wilhelm Timme. „Kriegsende 1945 – Niederlage oder Befreiung“ könnte nach Angaben von Timme eines der ersten Themen sein. „Wir brauchen bestimmte Schwerpunkte für die Arbeit, ansonsten kommen wir gegen die Flut der Dokumente und Fotos sicherlich nicht an.“

In den kommenden Wochen soll nun der bereits bestehende Arbeitskreis weiter an der Ausarbeitung des Projekts arbeiten. Bereits am 26. April 2015 soll das Kapitelhaus als zeitgeschichtliche Werkstatt eingeweiht werden. Die Veranstaltung beginnt um 10 Uhr mit einem Gottesdienst in der St.- Jakobi-Kirche in Wittlohe.