Das ehemalige Altarbild

Hedwig Müffelmann – eine Künstlerin aus Otersen

In unserer Kirche hängt ein Gemälde, das in besonderer Verbindung zu unserer Gemeinde steht. Bevor der Originalzustand des Altars aus dem Jahre 1894 wieder hergestellt wurde, prägte ein Gemälde von Hedwig Müffelmann viele Jahre den Altar. Seit 2003 hängt das ehemalige Altarbild rechts im Altarraum.

Das Bildnis zeigt den gekreuzigten Christus, umgeben von Maria sowie den Jüngern Johannes, Jakobus und Petrus, und ist in der für die Entstehungszeit typisch romanisch-naiven Stilrichtung der Nazarener gemalt, die dem religiösen Empfinden und der Frömmigkeit der damaligen Zeit entspricht.

Das Besondere dieses Bildes besteht darin, dass es erstens von einer Frau, die zweitens aus Otersen stammte, gemalt wurde. Das ehemalige Altarbild, das im Jahre 1895 entstand, hat einen klaren biografischen Bezug:

 

Hedwig Müffelmann schrieb dem damaligen Pastor August Groschupf, dass sie das Bild der Gemeinde als eine Art Wiedergutmachung für eine Verfehlung ihres Vaters schenken wollte, die ihre ganze Familie sehr belastet hatte. 

Ihr Vater Christoph Friedrich Müffelmann war Schullehrer in Otersen gewesen und hatte später als Sekretär in Verden gearbeitet. Hedwig wollte den letzten Eindruck, den er in der Gemeinde hinterlassen hatte, einen „allerletzten hinzufügen – welcher schöner erquicklicher, heiliger Art ist“ (Brief vom 26. 9. 1894).

Als Familie Müffelmann Otersen verlassen musste, war Hedwig selber etwa 18 Jahre alt. In ihrer Autobiografie „Aufwärts“ beschreibt sie liebevoll den Ort ihrer Kindheit mit seinen Höfen und Wegen. Als Fünfte von insgesamt acht Geschwistern wurde sie am 9. März 1855 geboren. An eine weiterführende Ausbildung wäre für sie als mittellose Lehrerstochter zur damaligen Zeit gar nicht zu denken gewesen, wenn nicht Pastor Möhlenbrock ihre Begabung erkannt, sie privat unterrichtet und dafür gesorgt hätte, dass sie aufs Lyzeum und von dort aufs Lehrerinnenseminar nach Hannover gehen konnte.

Mit Begeisterung nahm Hedwig diese Möglichkeit wahr. Das Unterrichten von Kindern wurde ihr Lebensinhalt zu einer Zeit, als es für Frauen noch sehr ungewöhnlich war, einen Beruf auszuüben und ohne männliche Unterstützung durchs Leben zu gehen – denn die Ehe war Lehrerinnen damals noch untersagt (eine Bestimmung, die übrigens erst 1950 offiziell aufgehoben wurde).

Hedwig Müffelmann entwickelte sich zu einer sehr eigenständigen und auch eigenwilligen Persönlichkeit.

Aufgeschlossen für andere Menschen und Kulturen unternahm sie Reisen ins Ausland, u.a. nach Ungarn und Großbritannien. Sie war theologisch wie naturwissenschaftlich interessiert. Mit Leidenschaft verfolgte sie den damals in Bremen entbrannten Streit zwischen konservativer und liberaler Theologie und schrieb biologische Abhandlungen in der Zeitschrift „Kosmos".

Inzwischen lebte und arbeitete Hedwig in Herford. Ihr Privatleben wurde dadurch bestimmt, dass sie nach dem Tod ihres Vaters 1895, ihre Mutter zu sich nahm und außerdem die drei Söhne ihrer verstorbenen Schwester großzog.

Beruflich machte die engagierte Frau Karriere. Sie wurde erste Direktorin des dortigen Königin-Mathilde-Gymnasiums. Ihr ist es zu verdanken, dass aus der damaligen noch privaten höheren Töchterschule eine städtische höhere Mädchenschule wurde, wodurch auch Töchter mittelloser Eltern die Möglichkeit erhielten, eine bessere Ausbildung zu bekommen, als das damals für Mädchen die Regel war.

In den Quellen der Stadt wird sie als Reformerin des Mädchenschulwesens in Herford bezeichnet, die durch ihre Fähigkeiten die Probleme der Frauen dieser Zeit zum Positiven wendete. Ein besonderes Anliegen war ihr immer wieder, dass dem „einfachen Volk“ der Weg zur Bildung geöffnet wurde und die Erkenntnisse der Forschung in verständlicher Weise jedem nahegebracht werden konnten.

Auch politisch interessiert findet man in den Herforder Zeitschriften kaum ein Thema, zu dem Hedwig nicht öffentlich und bestimmt Stellung bezogen hat. Ganz offensichtlich war sie eine gebildete, selbstständige und couragierte Frau.

Außerdem war Hedwig auch künstlerisch begabt. Von ihr sind Theaterstücke erhalten, die sie – natürlich immer mit pädagogischer Ausrichtung – selbst geschrieben hat. Sowie viele verschiedene Gedichte. Auch Zeichnungen sind von ihr erhalten, und in manchem Haushalt in Otersen findet sich noch das ein oder andere Bild, das von ihr gemalt wurde.

Ihre Begabung und ihr Schwerpunkt lagen dabei wohl mehr auf der Portrait- als auf der Landschaftsmalerei. Sie hatte das Glück, durch Stipendien gefördert zu werden, die sie nach Paris und Brüssel führten. Im Brüssler Museum des Anciens fand sie auch eine Golgathaszene, die sei als Vorlage für das Wittloher Altarbild benutzte.

Trotz des neugotischen Kirchenbaues wollte sie keinen „mittelalterlichen“, d.h. leidenden Christus malen, da dies „einer Gemeinde von schlichten Landbewohnern“ nicht zuzumuten sei. Stattdessen ziehe sie dem ein „wohltuendes, schönes Christusbild“ vor. Sowohl der biografische Bezug des Bildes in Hinblick auf die Schuld ihres Vaters als auch ihr künstlerisches Urteil, das den gekreuzigten schon von seiner Auferstehung her wahrnimmt, wird auch deutlich in Hedwigs Gedicht „Der Opfertod Jesu“, das in zeitlicher Nähe zum Altarbild entstanden sein dürfte.

Nach ihrer frühen Pensionierung im Jahre 1906 widmete Hedwig sich vor allem der Sternkunde, hielt Vorträge zum Thema und verfasste ein Buch mit dem Namen „Die Astronomie und die Bibel“.

Sie reiste viel umher – oft nur mit einem Rucksack als Gepäck. Als sie in der Zeit des ersten Weltkrieges zur Schulvertretung nach Otersen kam, beeindruckte die große alte Frau ihre Schüler mit einem bemalten Regenschirm, anhand dessen sie ihnen das Weltall erklärte.

Den Ruhestand verbrachte Hedwig Müffelmann in Bad Godesberg, Otersen und Hermannsburg und starb schließlich im Alter von 88 Jahren am 16. Juni 1943 in Göttinger Feierabendhaus.